Warum Trauer auch wertvoll sein kann


Themen wie Sterben, Instabilität und Verletzlichkeit entsprechen nicht dem aktuellen Zeitgeist, was für die Betroffenen nicht nur einfach ist. Der Mensch ist keine Maschine und Trauergefühle können nicht einfach abgestellt werden. Deswegen ist es mir wichtig geworden, dass das Thema Trauer seinen Raum bekommt und würdevoll behandelt wird.

Wenn wir Abschied nehmen müssen von Menschen, Gesundheit, Arbeitsplatz, Heimat, Vorstellungen, Lebensabschnitten... kann das sehr schmerzhafte Prozesse auslösen. Ich möchte die Trauer nicht schön schreiben, denn ich kenne ihre Brutalität und ihre Wucht, aber ich empfinde viele Momente auch als ein Geschenk der Verbundenheit und der Liebe. Nur durch unsere Liebesfähigkeit können wir diese tiefen Empfindungen erfahren. Die Leichtigkeit, die oft in Glücksseminaren schnell angepriesen wird, kann wahrscheinlich nur wachsen, wenn wir auch Schwere und Anstrengungen kennen.

Die Frage - Wer bin ich?

In der Trauerbegleitung begegnet mir immer wieder folgende Frage: Wer bin ich? Verlusterfahrungen können eine grosse Verunsicherung und eine Identitätskrise auslösen (Wer bin ich - ohne Arbeit, ohne Partnerin/ohne Partner, ohne Kind usw.) Eine Mutter, die ihr einziges Kind verloren hat, wurde auf einer Geburtstagsfeier gefragt - "Hast du auch Kinder?". Diese Frage löste eine brutale Gefühlslawine in ihr aus und

hat in der Begleitung einen wichtigen Kern hervorgebracht. Dadurch konnte sie eine bedeutsame Haltung gegenüber dem Leben entwickeln. "Ja, natürlich bin ich Mutter von einer wundervollen Tochter!" Dieser Satz brachte eine enorme heilsame Entfaltungskraft hervor. Auch eine Freundin von mir, die in den letzten zwei Jahren ihre Eltern verloren hat, ist darüber sehr traurig, dass sie die Rolle der Tochter im alltäglichen Leben nicht mehr erleben kann. Heute steht ein Foto von ihren Eltern auf der Kommode im Wohnzimmer. Daneben liegen deren Eheringe. Der Anblick berührt mich immer wieder auf das Neue.

Die Trauer richtet ihren Blick auch in die Zukunft

Eine weitere Frau, die ihre Tochter nach der Geburt verloren hat, erzählte mir, dass sie jetzt schon die Dinge betrauert, die erst in der Zukunft stattfinden werden wie z.B. der erste Schultag, gemeinsam gemütlich auf dem Sofa liegen, einen lustigen Stadtbummel, das Trösten beim ersten Liebeskummer. Vor einigen Wochen erzählte mir eine Freundin, dass ihre Mutter zu Hause bei ihr anruft, sobald sie von ihrem Urlaub zurückkommt, um nachzufragen, wie es ihr gefallen hat. Der Anruf der früher vielleicht eher lästig war, ist heute ein wichtiges Verbindungsstück zwischen Mutter und Tochter. Denn nur ihre Mutter pflegt dieses Ritual und wenn sie nicht mehr da ist, hinterlässt das eine Lücke. Meine Freundin ist deswegen schon jetzt etwas traurig und gleichzeitig auch glücklich, wenn das Telefon klingelt und die Frage kommt - Na, wie war dein Urlaub?

Verlust(gefühle) im stetigen Wandel

Die Gefühle bewegen sich häufig wellenartig und zeigen sich in verschiedenen Farben und Nuancen. Zum Beispiel berichten trauernde Menschen, dass sie sich in den letzten Wochen gut gefühlt haben und plötzlich überkam sie eine heftige Gefühlswelle der Wut (oder Angst, Einsamkeit, Unruhe....). Das ist ganz normal. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Aber eine Ursache scheint zu sein, dass auch Verlusterfahrungen im stetigen Wandel sind und immer wieder neue Formen hervorbringen können. Beim Beispiel Arbeitsverlust können folgende Themen auftreten: Verlust Identität/Rolle, Austausch mit Arbeitskollegen, Verlust von festen Strukturen, finanzielle Einkünfte, Verlust von Kompetenzerleben, Verlust an Normalität, Verlust an Selbstachtung usw. Daran kann man schon gut erkennen, wie komplex ein Verlust sein kann und dass manche Gefühle erst später auftreten, weil andere Lebensbereiche an Bedeutung gewinnen.


Wertvolle und einfache Augenblicke sind heilsam

In Beratungsgesprächen mit Trauernden fällt mir auf, dass besonders in der Neuorientierungsphase sich eine Entfaltungskraft ausbreitet, die es vielen ermöglicht, sich wieder auf das Wesentliche zu fokussieren. Meistens sind das nur einfache Begebenheiten wie z.B. die Streicheln des Hundes, die warmen Sonnenstrahlen im Gesicht, der Blick ins Grüne, ein gutes Gespräch, die Zubereitung einer Mahlzeit... die eine unglaublich heilsame Wirkung haben können, weil sie die Lebenssinne wieder wecken.




Meine Haltung:

Die Tatsache, dass wir nicht alles im Leben kontrollieren können, scheint immer mehr in Vergessenheit zu geraten. Auch ich finde die Fragilität des Lebens und manche Veränderungsprozesse nicht immer leicht auszuhalten. Trotzdem ist mir bewusst, dass Leiden auch zum Leben gehört und dass Lebendigkeit nur entstehen kann, wenn wir alle Aspekte und alle Gefühle akzeptieren.

Wichtig: Trauergefühle sind keine pathologische Reaktion. Doch kann es passieren, dass Trauernde manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen und ihren inneren Kompass für das eigene Leben verloren haben. Da sich Trauergefühle in unterschiedlichen Gefühlswellen zeigen können, gibt es keine allgemeingültigen Lösungsansätze. Die Trauerreaktionen sind meist abhängig von unserer Biographie, unserem Temperament, unserer Einstellung zum Leben und Umfeld.


Meine Gedanken:

Wir sollten uns nicht für unsere verletzliche Seite schämen, sondern ihr auch Raum geben. Wenn wir anerkennen, dass Dinge und die Natur sich verändern, können wir auch die einfachen Begebenheiten des Lebens liebgewinnen. Vielleicht gelingt uns das nicht immer, aber das ist auch nicht schlimm.

0 Ansichten