Wie kann Yoga bei Zerrissenheit helfen

Aktualisiert: 4. März

Die Kraft des Yoga bei Zerrissenheit






Ich bin zerrissen... sagte plötzlich eine Frau während der Yogastunde. Wir haben uns gerade mit dem Song "Respect" von Arthea Franklin aufgewärmt. Das Bewegen zur Musik war ein Einladung, sich frei zu tanzen vom Alltag. Da ertönt ein kleiner Satz: "Ich bin hin- und hergerissen!" Ein Satz, der mir allzu vertraut ist. Er wirkt unmittelbar in mir. Er eröffnet einen weiteren Raum im Salon du Yoga. Manche Frauen haben diesen Raum betreten, manche vielleicht nicht. Aber auch das ist vollkommen in Ordnung. Wir müssen nicht immer unsere Kanäle aufmachen.

Die Kursteilnehmerin erzählte, was sie bewegte. Sie ist bestürzt, dass wir in Europa wieder Krieg haben. Sie fühlt sich zerrissen: Zur gleichen Zeit findet eine Demonstration gegen den Krieg statt, sie wollte aber auch die Yogastunde besuchen, sie... Ich ahne, was in ihr vorgeht. Spüre Trauer. Oder ist es meine Trauer?

Darf ich mir Gutes tun, wenn andere Menschen leiden? Soll ich meine Kraftquellen in der Yogastunde beleben, um wiederum anderen Menschen helfen zu können? Oder soll ich auf die Demonstration gehen und mich für den Frieden stark machen. Alles erscheint richtig. Aber was ist jetzt richtig? Wo gehöre ich jetzt hin?



Insgesamt scheint die Welt immer komplexer zu werden. Sie dreht sich immer schneller und wird immer lauter. Eine Avocado zum Frühstück genießen oder auf die Umweltbilanz achten? Auf die Selbstkräfte achten oder beim Umzug von Freunden helfen? Mit den Kindern einen Spieleabend verbringen oder sich mit der eigenen Lieblingsserie zurückziehen? Die Mutter zu Hause pflegen oder einen Platz im Altersheim suchen? Sich politisch engagieren oder sich aus dem Geschehen herausnehmen?

In dem ganzen Wirrwarr steigt die Sehnsucht nach Klarheit und das Bedürfnis nach Vereinfachung in vielen Lebensbereichen.

Das Wirken von verschiedenen Stimmen und Werten in uns kann sehr anstrengend sein.



Jedoch erfahren wir wohl nur durch die Mehrstimmigkeit das ganze Spektrum unserer Gefühle. Sie zeigt, dass in uns unterschiedliche Kräfte fließen, die uns lebendig machen. Bei mir entstand sofort das Bild von einem Chor. Dort tönen unterschiedliche Stimmen, die gleichzeitig eine Einheit bilden. Auch bei der Polyphonie besitzt der Mensch die Fähigkeit, mit seiner Stimme nicht nur zwei voneinander unterscheidbare Töne hörbar werden zu lassen, sondern diese auch noch BEIDE zu bewegen. Das finde ich unglaublich!



Es gibt einen Riss in allem. So kommt das Licht herein


Der Psychologe Schulz von Thun schreibt in seinem Buch: Der Mensch steht in der doppelten Dienstpflicht: zum Gelingen des Ganzen beizutragen, von dem er ein Teil ist, und zum Gelingen des Ganzen beizutragen, der er selbst ist. Jawohl, ich selbst bin auch... ein Ganzer! Einer, der auch um seiner selbst willen lebt und ein Leben erstreben darf, in dem er aufblüht und die Freuden und die Schönheit des Daseins genießt... (Buch - Erfülltes Leben, Seite 49)


Seine Sätze beschreiben ganz gut, um was es im Leben geht:


Immer wieder die Balance in dem Ganzen zu finden

Was mich aber während der Yogastunde aufhorchen ließ, war der Satz: "Ich bin hin- und hergerissen!"

In Wikipedia steht über die Zerrissenenheit: Es bezeichnet ursprünglich einen Zustand der Zerknirschung des Herzens.

Man versteht unter Zerrissenheit den Zwiespalt des Individuums, eine Bedrängnis der Seele, einen inneren Konflikt zwischen Wünschen und Wirklichkeit. Als ich diese Zeilen las, wurde mir bewusst, dass für mich das Erleben von Zerrissenenheit noch andere Eigenschaften in sich trägt, als die Ambivalenz. Zerrissenenheit scheint mir tiefer zu gehen. Es geht direkt in unser Herz. Das Herz tut weh. Wir werden vielleicht sogar innerlich erschüttert. Es geht ein Riss durch das Herz.


In der Wirtschaftswelt scheint die innere Vielfalt, die in den meisten Menschen steckt, wenig Achtung zu erhalten. Populär sind die Menschen, die sich schnell und einfach entscheiden können. Menschen, die über eine Situation nachdenken und verschiedene Aspekte einbeziehen, gelten oft als schwach oder anstrengend.


Sobald wir aber akzeptieren, dass in der menschlichen Natur eine gewisse Zerrissenenheit eingebaut ist, können wir die allzu oft hohen Erwartungen an uns selbst reduzieren. Durch die Akzeptanz entsteht eine innere Befreiung. Wir erlauben uns, den verschiedenen Seelen in unserer Brust zuzuhören und mit ihnen in Dialog zu gehen.

Wir erkennen die Vorzüge des Abwägens in der aktiven Auseinandersetzung. Wir spüren die Unlust, sich in vorgefertigte Schablonen und Oberflächlichkeiten einfügen zu wollen.

Immaterielle Werte werden wieder vermehrt in Augenschein genommen. Herzqualitäten wie z.B. Mitgefühl und Güte spielen eine größere Rolle.


Um das Herz wieder befreien zu können, müssen wir dort hingehen, wo der Ursprung der Zerrissenenheit liegt. Die Wende findet im Herzen statt. Kein anderes Lied kann dies so gut unterstreichen wie das von Leonard Cohen:

Es gibt einen Riss in allem. So kommt das Licht herein.“ – „There is a crack in everything. That’s how the light gets in."



Die Wende findet im Herzen statt


Die Kursteilnehmerin, die über ihre Zerrissenheit sprach, teilte ihren Riss mit den anderen Frauen. Aus ihr sprach kein aufgeblasenes Ich. Ich hörte eine Frau, die mit anderen Menschen mitfühlt und aus ihrem Herzen sprach. Verletzlichkeit macht stark! Diese Yogastunde hat ihren Platz in meinem Herzen gefunden. Der Riss brachte viel Licht in den Raum.

Mit diesem Licht gestaltete ich eine neue Yogastunde. Wir gingen in die Meditation der Güte. Sie hilft, dass wir uns innerlich erden, Verbundenheit erfahren und uns wahrnehmen, ohne uns zu verurteilen. Sie schafft einen Boden der Ich-Losigkeit und führt uns direkt zu unserem Herzen.


Meditation der Güte


Im Buddhismus ist die Metta Meditation das Fundament für alle anderen Meditationsformen. Die Anleitung dient als Orientierungshilfe und kann individuell angepasst werden. Mit Yoga und Meditation erhalten wir Bewältigungsstrategien, die unsere ruhelosen und unsicheren Zustände besänftigen können. Wir erfahren Wirkung. Innen und Aussen. Wir sind handlungsfähig. Wir begegnen dem Leben. Wir sind präsent. Wir sind miteinander verbunden.



Der Riss zwischen Putin und der westlichen Welt ist schrecklich. Er hat schon vielen Menschen das Leben gekostet. Der Riss ist kaum zu ertragen. Er macht fassungslos. Er ist so unnötig. Und trotzdem strahlt sogar aus diesem Riss Licht heraus: Nachbarländer öffnen ihre Grenzen, überall werden Flüchtlingslager aufgebaut, Menschen nehmen fremde Menschen auf, die Spendenbereitschaft ist gross usw.


Mögen wir in Frieden leben


Yoga ist für mich...

Yoga hat die Fähigkeit, mit ganz einfachen Übungen uns da wieder rauszuholen. Bleiben wir in der Emotionalität stecken, arbeitet nur ein Teil unseres Hirns, derjenige der planen, analysieren, denken kann, ist ausgeschaltet. Atmen, sich auf den Körper konzentrieren, strecken, ausschütteln ect. bringt uns da raus, klärt den Kopf.

Und um andern beistehen zu können, müssen wir klar sein, muss es mir gut gehen, deshalb auch Yoga für mich.

Manchmal füge ich das Beispiel des Notfalls im Flugzeug an: Da muss ich auch zuerst mir die Sauerstoffmaske anziehen, sonst kann ich niemandem helfen...

(Rückmeldung von der Kursteilnehmerin)

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