Weibliche Wut

Aktualisiert: 23. Mai

Nadya Jenal, eine Yogalehrerin, kam auf mich zu und sagte: "Wir müssen etwas machen!"


Sie fragte mich, warum das Thema Wut in der Yogawelt so wenig Raum erhält, obwohl es eine wichtige und treibende Kraft ist. Das Thema fand bei mir gleich Anklang. Trotzdem ist mir in den letzten Wochen nicht viel dazu eingefallen. Doch gestern sass ich im Garten, dachte an die Königin Sovey, die Hauptfigur meines Märchens und dann sind mir zwei Wutsituationen in den Sinn gekommen, die die Königin durchlebte. Die Anfangssituation, als sie ihr Spiegelbild wutenbrannt ansah oder die Situation, als sie kurz vor dem Ziel von einer Mauer gestoppt wurde. Und dann sind mir diese Gedanken kommen:



Was ist Wut?


Wir sind vor allem wütend, wenn wir uns gekränkt oder ungerecht behandeln fühlen. Wut kann passiv oder aktiv auftreten.

Wut hat verschiedene Gesichter. Wut kann gewaltig und zerstörisch sein. Wut kann Ungerechtigkeiten aufdecken. Wut kann Rechte einfordern. Wut kann individuell oder kollektiv sein. Wut kann Räume eröffnen. Wut wird unterschiedlich bewertet. Wut kann konstruktiv oder destruktiv wirken. Wut ist Energie. Wut ist eine Emotion.


"Das finde ich nicht gut!"


Ich habe vor einigen Jahren eine spannende Situation erleben dürfen. Ich nahm an einer mehrtägigen Weiterbildung teil. Dort fiel eine Frau mit ihren speziellen Wünschen und Erwartungen auf, die sie ständig bei der Dozentin anbrachte. Plötzlich hörte ich eine andere Teilnehmerin sagen: "Dein Verhalten macht mich wütend!" Ich horchte auf und blickte zu den beiden Frauen. Es kam zwar zu keiner heftigen Auseinandersetzung, aber die Frau mit den übermässigen Erwartungen brach die Weiterbildung vorzeitig ab (Wut kann auch im Rückzug enden). Für mich blieb vor allem der Satz "Dein Verhalten macht mich wütend." Was mir an diesem kleinen Satz bis heute noch gefällt, ist die Klarheit und Ehrlichkeit, die sich darin befindet. Sie griff nicht den Charakter der Frau an, sondern sprach einen bestimmten Teil ihres Verhaltens an. Ihre Kernaussage war: "Ich finde das nicht gut!"




Wut gilt als unweiblich!


Laut Studien scheint es so zu sein, dass Frauen und Männer gleichsam wütend sind. Nur wird die Wut von der Gesellschaft anders bewertet. Eine Frau, welche z.B. im beruflichen Kontext ihre Wut äußert, wird eher als unprofessionell, hysterisch und emotional wahrgenommen. Es wird viel mehr auch der Charakter negativ bewertet. Die Konsequenz dieses strukturellen Problems ist, dass die Frauen weniger ernstgenommen werden.


Dagegen dürfen Männer ihre Wut zeigen und sind keiner Stigmatisierung ausgesetzt. Es finden keine Rückschlüsse auf deren Charakter statt, sondern es wird eher auf die Umstände oder auf den Inhalt hingewiesen. Er musste ja mal auf den Tisch hauen und brüllen, wenn die Mitarbeiter*innen keine gute Leistung hervorbringen.


Frauen müssen ihre Wut oft mit Charme verpacken, damit ihre Anliegen auf Resonanz stoßen. Das ist sehr schade! Denn Wut lässt uns hervortreten. Wir sind lebendig. Doch was passiert, wenn ein Teil der Energie ins Verpacken geht. Sie wird weniger.


Gesundheitliche Schäden


Der Psychologe Matthias Ennenbach schreibt in seinem Buch, dass Wut, die unterdrückt wird, sich gegen uns selbst richten kann. Er führt Beispiele an wie z.B. Selbsthass, Selbstverachtung, übermäßige Disziplin und Strenge bis hin zu selbstverletzenden Verhaltensweisen. Das Schlucken von Wut kann sich äußerst gesundheitsschädlich auswirken und sich folgendermassen zeigen: Schlafstörungen, Spannungskopfschmerzen, Zähne knirschen, Magenprobleme, Herzerkrankungen, ein geschwächtes Immunsystem usw.


Die Schweizer Psychologin Verena Kast berichtete in einem Interview, dass sie viele Patientinnen hatte, die eigentlich wegen Depressionen in die Behandlung kamen, aber oft Probleme hatten, ihren Ärger oder ihre Wut zu fühlen und herauszulassen.




Weibliche Wut in der Öffentlichkeit


In der Ausbildung zur Trauerbegleiter*in mussten wir eine schriftliche und kreative Abschlussarbeit abgeben. Für die kreative Arbeit erhielt jeder von uns einen ca. 1,5 m langen Holzbalken. Unsere Aufgabe war es, eine Trauerstele zu gestalten, welche unseren Trauerprozess zum Ausdruck bringen sollte. Meine Traustele bekam einen Stahlfuss, damit sie stehen konnte. Oben drauf erhielt sie ein Holzbrett, um Symbole aufstellen zu können. Das Holz bemalte ich mit Blumen und Ornamenten. Ich würde sagen, dass sie schön war. Sie entsprach dem damaligen Stand meines Trauerprozesses. Eine andere Teilnehmerin verarbeitete damals ihre Eileiterschwangerschaft und eine Fehlgeburt. Sie schlug den Holzbalken mit einer Axt in kleinste Teile und klebte diese auf ein Holzbrett. Die Arbeit war körperlich anstrengend. Bei der Abschlussfeier präsentierten wir unsere persönlichen Stelen. Ich beobachtete, dass ein paar Teilnehmerinnen vor dem gerade erwähnten Wutwerk ratlos stehen blieben. Auf mich wirkte es so, dass sie der Anblick der unzähligen Wutsplitter erschrak. Damals fragte ich mich schon, warum eine so ehrliche und berührende Arbeit nicht erkannt wird. Ist der Grund, dass wir Wut nicht spüren oder sehen können? Darf eine weibliche Wut nicht in öffentlichen Räumen gezeigt werden?


Wutangebote


Wenn ich ins Internet gehe und die Begriffe "Yoga und Wut" eingebe, dann erhalte ich Angebote für Wutyoga mit Heavymetal-Musik oder ich erhalte Tipps, wie ich meine Wut abbauen kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Angebote auch helfen. In mir entsteht sofort ein Bild, wie ich schreiend und stampfend bei lauter Musik meine Aggressionen auf der Yogamatte herausbrülle. Ich schmunzle. Mein Kiefergelenk entspannt sich. Doch grundsätzlich fehlen mir die feinen Nuancen dazwischen. Was gibt es zwischen Brüllen, Wegatmen oder Abbauen?


Weibliche Vorbilder


Ich habe eine Erinnerung aus meiner Kindheit, welche diese wichtigen Fragen nochmals unterstreicht. Ich war ein schüchternes und braves Mädchen. Beim Spielen im Sandkasten wurde ich häufig von einem sehr dominanten Mädchen geärgert. Sie riss mir immer wieder meine Spielsachen aus der Hand oder warf mir Sand in die Augen. Meine Mutter beobachte regelmäßig diese Szenerie. Sie sagte mir immer wieder, dass ich mir das Verhalten des anderen Mädchen nicht gefallen lassen muss. Zwischendurch griff sie auch in die Situation ein. Und eines Tages geschah es. Ich nahm einen Eimer und haute diesen unvermittelt auf den Kopf des Mädchens. Tatsächlich hat mich dieses Mädchen danach in Ruhe gelassen. Doch war mein Verhalten gerechtfertigt?


Meine Mutter spürte instinktiv, dass ich lernen muss, mich besser abzugrenzen. Doch sie hatte keine positiven Beispiele, die sie mir hätte vermitteln können. Sie gehört zur Nachkriegsgeneration und hat die Wut nur als böse und schrecklich kennengelernt.


Aber ist Wut wirklich böse?


Ich denke, dass es darum geht:

  • wie wir mit der Wut umgehen

  • wie wir mehr zur Gerechtigkeit gelangen


Denn eines ist klar: die Wut jener Menschen, die als positiv bewertet werden, haben die Macht.


Die Journalistin Ciani-Sophia Hoeder schreibt in ihrem Buch "Wut und Böse",

dass Wut immer noch als unweiblich gilt, obwohl sie uns Frauen zu einem eigenen Bankkonto oder dem Wahlrecht verholfen hat.


Vor vielen Jahren arbeitete ich als Pädagogin in einer Wohngruppe für Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Dort arbeiteten wir eng mit einem Psychiater zusammen, der uns das Leben schwer machte. Er war launisch und unberechenbar. Mit seinem aggressiven Verhalten konnte er Menschen blossstellen und verletzen. Die pädagogischen Fachkräfte waren nur froh, wenn die Visite vorbei war. Irgendwann kam es dazu, dass ich die Visite übernehmen musste. Der Psychiater war natürlich wieder aufbrausend. Daraufhin sagte ich mit energischer Stimme: "Jetzt reicht's!"

Er entschuldige sich. Ich war sprachlos.


Ich fühlte, wer ich bin!


Aktuell planen Nadya und ich einen Workshop mit dem Thema Wut. Was dabei sein wird: Mantra singen, Yoga, Geschichten und Frauen, die erzählen.

Termin: 13.05. im Salon du Yoga, von 19 - 21.30 Uhr




Quellen:


https://www.deutschlandfunkkultur.de/emotionsforschung-wer-wut-unterdrueckt-kann-depressiv-werden-102.html


https://sz-magazin.sueddeutsche.de/freie-radikale-die-ideenkolumne/wut-feminismus-88440


Buch: Buddhistische Psychotherapie von Matthias Ennenbach


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